Maria. Das Bild des Meeres und seine Transformationen am Beginn der Frühen Neuzeit
Hannah Baader Der Unterschied zwischen Land und Meer stellt nicht nur eine einschneidende geologische, sondern auch eine kulturelle Tatsache dar. In christlicher Perspektive wird der im Sechstagewerk geschaffene Gegensatz zwischen Land und Meer, dessen Wirkmächtigkeit sich - nicht nur mit Carl Schmitt - für die gesamte abendländische Geschichte nachzeichnen ließe, erst mit dem Jüngsten Gericht am Ende der Zeiten vergehen. Dies zeigt sich bildnerisch auf zahlreichen Genesiszyklen wie Weltgerichtsdarstellungen. Um den Gegensatz zwischen Land und Meer sinnfällig zu machen, findet sich das Meer vor allem im byzantinischen geprägten Osten durch eine weibliche Gestalt mit Ruder und langem Haar personifiziert. Die Meer-Frau auf dem von einem Seemonster getragenen Wagen, wie sie etwa in den Mosaiken der Kathedrale von Torcello aus dem 12. Jahrhundert, der Klosterkirche in Gračanica (Kosovo; ca. 1320) und noch in Fresken des 16. Jahrhunderts erscheint, erklärt sich mit der antiken Gestalt der 'thalassa', die als Verbildlichung des Meeres der antiken Herrscherikonographie entstammt. Ihre genealogischen Wurzeln können noch weiter verfolgt werden: Denn das Bild der 'thalassa' gleicht dem der Göttin Thetys, d.h. dem weiblichen Teil jenes wässerigen Urelternpaares Okeonos und Thetys, von dem sich einer Passage der Ilias zufolge die gesamte Welt der Götter ableiten soll.
Handelt es sich bei den Meerweibern in Torcello oder Gračanica um ganz eigene Formen des Fortlebens der Antike, so steht die Frühe Neuzeit spätestens seit dem 15. Jahrhundert im Zeichen der Erkundung, Beherrschung und Naturalisierung eben jenes glatten Raumes der Ozeane, der in seiner gesamten Ausdehnung den größten Teil der Oberfläche der Erdkugel einnimmt. Den Wunsch nach einer sinnlichen Erfahrung dieses weiten Raumes hat der Florentiner Dante in einer signifikanten Umschreibung des homerischen Epos beschrieben, wenn er im 26. Gesang des 'Inferno' dem betagten Udysseus den Wunsch in den Mund legt, die Säulen des Herkules zu durchsegeln. Dantes Odysseus will die andere, wässrige Hemisphäre der Welt mit selbst erfahren, wozu er seine Gefährten mit den Worten auffordert: "ai vostri sensi […] non vogliate negar l'esperienza […] per seguir virtute e conoscenza". Damit verleiht er einer Form unchristlicher Neugierde - 'curiostitas' - Ausdruck, für die er nach einem ersten beglückenden Moment des Sehens durch den Untergang bestraft wird. Mit den Fahrten der Portugiesen entlang der afrikanischen Küste, der Entdeckung des amerikanischen Kontinents im Westen, der Umseglungen des afrikanischen Kaps und Magellans Expedition in den Pazifik wird das Aufbrechen der mediterranen Welt, das Dante noch imaginiert, zur nautischen Wirklichkeit, die die Ökonomie und kulturelle Topographie des Mittelmeerraumes und der italienischen Halbinsel grundlegend verändern wird.
Mit dem Forschungsprojekt wird nach der Rolle der Bilder des Meeres in Mittelalter und Früher Neuzeit gefragt. Das Interesse gilt dabei den Transformationen mythologischen und religiösen Figurationen des Meeres genauso wie den epistemologischen und ästhetischen Dimensionen seiner Bilder. So ist das Meer etwa der Ort, an dem die Natur in besonderer Weise ihr Spiel treibt, welches es künstlerisch wiederum zu überbieten gilt. Neben einer wissenschaftsgeschichtlichen Perspektive, die der Frage nach der Erkundung der Tiefe, der Beherrschung nach den Gesetzen der Geometrie und Optik oder seiner Kartierung umfasst, wird untersucht, wie sich Schrecken, Schönheit und Form des Meeres im genannten Zeitraum ästhetisch vermitteln und so mit zu einer Transformation der Sprache der Bilder am Beginn der Frühen Neuzeit beitragen. Das Projekt widmet sich der Frage, wie die unbezwingbare Natur des Meeres in den Jahren vor, um und nach 1500 ästhetisch gebändigt wird, indem sie als Horizont, Tiefe Welle oder Ort des Spiels künstlerisch verarbeitet wird. Ziel ist es, am Paradigma des Meeres Aspekte der Verschränkung von Naturalisierung und Kultivierung am Beginn der Frühen Neuzeit aufzuzeigen; es geht dabei in einem doppelten Sinn um den Gewinn neuer Erfahrungsräume.
|
|

Projektmitarbeiter
Hannah
Baader
|