|
|
|
Die verborgene Seite des italienischen Futurismus
Lisa Hanstein Das Dissertationsprojekt setzt an der Wende zum 20. Jahrhundert ein, als bahnbrechende Errungenschaften in Wissenschaft und Technik die Vorstellung von Raum und Zeit relativierten und das Weltbild der Menschen veränderten. Eine zunächst kleine Gruppe Mailänder Futuristen sollte diese rasante Entwicklung der Umwelt auf fast alle Gattungen der Kunst übertragen und durch ihre innovativen Ideen eine neue Auffassung vom Wesen der Kunst herbeiführen. Wie bereits in der Magisterarbeit gezeigt wurde, führten die Entdeckungen bisher unbekannter Strahlungen, Energien und Magnetwellen die futuristischen Künstler zu neuen bildnerischen Möglichkeiten, Unsichtbares sichtbar zu machen. Besonders die Malerei der 'stati d'animo' (Seelenzustände) wird in den Mittelpunkt ihres Interesses gerückt. Weiter öffneten die neuartigen Erfahrungen die Tür zu einer Welt des Spiritismus, da um die Jahrhundertwende wissenschaftliche Erkenntnisse oft mit okkulten Phänomenen verknüpft wurden. Beispiele für die häufige Verbindung von Röntgenstrahlen mit Hellsichtigkeit finden sich auch in futuristischen Manifesten wie 'La pittura futurista - Manifesto tecnico' von 1910. Hier vergleichen die Künstler Giacomo Balla, Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo und Gino Severini ihre gesteigerte visuelle Kraft, die es ihnen ermögliche, für andere verborgen bleibende Dinge wahrzunehmen, mit den kurz zuvor entdeckten Strahlen. Damit kehrt auch die Idee des Künstlers als hochsensibler Seher zurück. Noch deutlicher wird die Faszination für unbekannte Kräfte in einigen Schriften des Künstlers Boccioni: in seinem Buch 'Pittura Scultura Futuriste' (1914) tauchen Begriffe wie "Astralplastik" oder "Ideoplastik" zur Beschreibung futuristischer Kreationen auf - Begriffe für paranormale Phänomene, die bei Séancen auftreten. Das Projekt möchte diese verborgene Seite der futuristischen Kunst beleuchten und untersucht, ob neben neuen Themen und Darstellungsmöglichkeiten auch theoretische Konzepte des Futurismus ihren Ursprung im Okkulten finden. Denn wird der Einfluss des Okkultismus auf die Kunst der Avantgarden in der Kunstgeschichte inzwischen weitgehend akzeptiert - ist er doch fest mit der Wissenschafts- und Kulturgeschichte in Zusammenhang zu sehen - so bleibt die Erforschung der Bedeutung des Okkultismus für die Kunst des italienischen Futurismus ein Desiderat. Dabei lässt sich ein Interesse an okkulten Phänomenen nicht nur über einen langen Zeitraum, sondern auch an verschiedenen Orten nachweisen. Neben Mailand war die Stadt Florenz eines der Zentren des italienischen Futurismus und seit der Gründung der Biblioteca Filosofica di Firenze 1905 auch Dreh- und Angelpunkt philosophischer, psychologischer und spiritualistischer Debatten. Das Forschungsprojekt untersucht die unterschiedlichen Entwicklungen der futuristischen Kunst in Mailand und Florenz innerhalb des jeweiligen kulturhistorischen Kontextes, um das Ausmaß des spiritistischen Einflusses auf die Künstler isolieren zu können.
|
|

Projektmitarbeiter
Lisa
Hanstein
|
< zurück
Seite drucken
|
|
|
|