Die Landschaft der Stadt. Entfestigung als Raumgestaltung am Beispiel von Turin
Cornelia Jöchner Das Habilitationsprojekt untersucht die Periode der Entfestigung im 18. und 19. Jahrhundert als grundlegenden räumlichen Wechsel der Stadt, deren Jahrhunderte alte Geschlossenheit damit aufgegeben wurde. Dies betraf jedoch nicht mehr die Grenze einer autonomen Kommune, sondern die landesherrliche Fortifikation, die sich zwischen die Raumordnung von Stadt und Land geschoben und das Territorium als übergreifenden politischen Raum geschaffen hatte. Die Arbeit verfolgt so die Öffnung der Stadt als Ineinander von architektonischen und politischen Räumen. Kunsthistorisch wenig erforscht, bedeutet dieses Desiderat angesichts heutiger Globalisierung eine empfindliche Lücke in der Vorgeschichte der Moderne. Deutlich werden soll, dass der Verzicht auf die bastionäre Befestigung nicht nur eine bisherige Grenze zerstörte, sondern kulturelle Räume erforderte, welche die Öffnung erst möglich erscheinen ließen bzw. diese herstellten und aktualisierten. Mit Turin, Residenzstadt der Savoyer und erster Kapitale Italiens, wurde ein Beispiel gewählt, das die Frage des Raumes aufgrund seiner geopolitischen Lage besonders nachdrücklich stellt. Die Arbeit setzt ein, wo die noch geschlossene Stadt mit dem Bau der Superga-Kirche (1717-31/Juvarra) einen qualitativ anderen Bezug zu ihrem Außenraum erhält, der die barocke Ordnung von Stadt und Territorium zugunsten einer topografisch geprägten, 'natürlich' erscheinenden Räumlichkeit zu ersetzen beginnt. Gleichzeitig werden neue Eingänge in die Stadt errichtet, die auf eine stärkere Diffusionsmöglichkeit setzen. Die aktive Rolle, welche die Architektur hier im Aufbau eines Raumes spielt, der die Stadt neu im Territorium justiert, wurde zum Ausgangspunkt der weiteren Analyse genommen und festgestellt, dass auch die eigentliche Öffnung mit der Kirche Gran Madre di Dio (1818-31/Bonsignore) und der Piazza Vittorio Veneto eine solch dominante architektonische Formulierung erfährt: am Ostrand der Stadt entsteht so eine dynastische 'Landschaft'. Wenn die Studie die Ränder Turins in ihrer architektonischen Bildung würdigt, tritt mit dem Museumsdorf Borgo Medievale (1884) ein 'mittelalterliches' Gegenmodell zu Turin hervor, das im archäologischen Pasticcio den Piemont als 'gewachsene', die Zeiten überdauernde Kulturlandschaft suggeriert. Die mit den drei Ensembles deutlich werdenden unterschiedlichen Raumbildungen des Barock, Klassizismus und Historismus sind methodisch zu greifen, indem die Verfasserin formalistische Traditionen der Kunstwissenschaft mit der Phänomenologie verknüpft und einen Rezipienten voraussetzt, an den sich die Architektur richtet. Damit zeigt sich, dass die Ränder der neuen Stadt in einem jeweils anderen Raumvollzug 'gebaut' werden. Dynastisch geprägt, sind im sich öffnenden Turin die Grenzen der Stadt auf symbolische Weise durch das Territorium übernommen.
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Projektmitarbeiter
Cornelia
Jöchner
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